„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.
„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend.
Er schwieg.
„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich.
Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland—dann müssen wir alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen—; oder ich werde Franzose, wie mir der Direktor geraten,—dann gehören wir künftig der französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“
„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“
„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.
„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“
„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui! All die deutschen Offiziere—voran mein Hauptmann, der etwas auf mich hielt und den ich verehrte—alle dürften mir zurufen: Pfui!“—
Charlotte stand ergriffen.