In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir gefangen, dem soll es schlecht gehen!“

„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.

„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“

„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir können ja mittags alles besprechen.“

Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte, wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte, es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus—meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer. Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten! Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen. Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute Befehle gab.

„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig, und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“

„Das kommt vom Krieg, Kind.“

„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien Elsässer. Wie ist das eigentlich?“