Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen: „Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte, aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“ schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost sagen.“—„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest, wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert, was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre, die Wehrlosen zu schützen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck vollends hinüber kämen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen, standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

* * * * *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen. Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?

Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam, nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich, beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief bedrückte.

Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint, es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote ging.

„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die Kriegswirren—namentlich in Ostpreußen und im Elsaß—von ihren Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach solchen suchen.“