Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den Krieg.“

Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies alles wahr wäre!“

Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles beisammen.“

Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam
von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß
Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt!
Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!

Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme noch für einen Tag nach Hause.“

Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“ Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben über das ganze Blatt: Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich! Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater, der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb der sich herum?

Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir müssen heimreisen so rasch wie möglich!“—„Ja, Mutter, schnell, schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht! Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn auf einen Tag an?“

Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen, abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach der Bahn zu bestellen.“

In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich: ‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“—„So lies, ich gehe zum Wirt.“ Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht—vor dem nächsten Morgen war nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“—„So spät?“—Ja, die Pferde müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen, und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.

Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen, das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge, was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen. Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet—daran sollte es wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.