Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her; ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es sei schon angespannt.
Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der Wirt soll doch ganz gewiß warten!—Auf, auf, Kinder! Nicht waschen, nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und Kamm, die sie vergessen hatten!
Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los. Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde, verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts fuhren sie hinaus in den Krieg.
Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie sich drauf und das kleine Fräulein auch.“
Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das Verstehen schwer.
„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
„Muß er sich in Wien stellen?“
„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“
„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich zusammen, die können's machen!“