Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand. Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte: „Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen die Grüße.
Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war, hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen, klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat drei Stunden Verspätung!“
Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben müssen als das!“
Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen, diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen. Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit! Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten, baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.
„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden, ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
Endlich—es war heiße Mittagszeit geworden—kam der Zug an! Aus allen Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“
Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“