"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."
"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann werden wir uns ganz fremd!"
"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und gehört dir ganz und gar."
Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten, daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben Liebe und seine rührende Verehrung.
"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"
"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."
Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem verlorenen Glück.
Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte.
Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher, Gebhard?"
"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"