"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er.

"Ja freilich, das vermißt uns nicht."

"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen, wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?"

"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.

"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater.

Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit der Mutter.

Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.

Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.

"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."

"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"