Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und mußte an ihren Mann denken.

Eine Stunde später waren sie auf der Reise.

Fünftes Kapitel.

Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.

"Willst du etwas?" fragte sie.

"Nein.—Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"

"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"

"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir auch, Mutter?"

Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."

Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen.