"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran."
Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
Neuntes Kapitel.
Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt, manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück gewesen?
Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. "Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer.
Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie tausendmal!"
So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon erwachte.
"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!"
Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.—Warum schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; wie würde der jubeln!
Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen.