An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut—ihre Tage waren ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig; viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte. Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als "Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn. "Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen.
Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen müssen doch alle warten!"
"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter."
"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig ausharrst."
So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war, wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die andern an, ohne daß er's wußte.
Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards Vater sein könne?
"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der Zug?"