"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug kommt."
Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater ankomme? das ging doch nicht? Aber es mußte gehen. Die Großmutter würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses Stillehalten!—Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so furchtbar schwer!
Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief, wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte. "Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater ankommt und ich in der Schule bin!"
"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
Türe zu.
"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal, sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf und davon, dem Bahnhof zu.
Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er ausharren, o leicht und gern!
Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor. Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!" und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und gingen ihres Weges.