Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen, und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war, erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender Stimme:

"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"

"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht gar nichts, Vater!"

"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen. Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu holen.

"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut führen!"

"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."

"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute
Verwundete ankommen?"

"Ein Schulkamerad."

"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur mit!"

Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard ging auf der andern Seite.