"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?"

"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!"

"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.

Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel, weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein. Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde, küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der Mutter!"

Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater angekommen sei!

Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist dir's recht so?"

"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche, stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil. Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben? Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur er noch! Wie lange wohl?"

Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte
Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch
ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum
Kriegsstil."

Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und rief: "Der Vater kommt?"

"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!"