Zwölftes Kapitel.

Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde ihm die Augen ausstechen lassen.

So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte, daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete sich innerlich vor auf das, was kommen mußte.

Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.

Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne.

"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen. Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir, Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber dennoch—wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt, Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam entgegensehen, als sie ihrem Helden!"

"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg räumt!"

"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und
Entbehrung mit dir zu tragen."

"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist, dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden."

"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich bringe ihr deine Botschaft."