Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
Schublade auf.

"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"

"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz. Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch etwas Schönes sieht an ihrem Mann!—So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr, man sieht die Zerstörung nicht?"

"Nein."—Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde?

Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.

"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein sprechen?"

"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es furchtbar erschüttert; ich mußte mich so zusammennehmen, um die Fassung zu bewahren."

Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?" Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er wartet!"

Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau. Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein. Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser lang ersehnten Stunde.

Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem
Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte.