"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging, um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, jetzt erst fing er so recht an für Gebhard.

Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief.

"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.

"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen."

"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten, warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"

"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus schliefen.

Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache," sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, hilf der Mutter!"

In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem, hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei.

Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf, die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, laß alles andere, wir fahren!"

Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine
Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
Jüngferlein—" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist
schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!"