„Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!“ stöhnte Professor Dubelmeier.
„Wie soll das enden!“ seufzte Frommherz.
„Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,“ spottete Professor Stiller, über den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.
Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer strengen Selbstkritik zu unterziehen.
Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen ließen wie im Anfange.
Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.
Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen auch noch die Sorge um die Ernährung.
Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu erschreckende Lücken auf.
So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster, in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte. Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.
„Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!“ dachte Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.