Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden, und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße Bedeutung beizulegen.

Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.

Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten, wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.

In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete. Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken in die traumhaft schöne Szenerie.

„Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,“ sprach leise Piller zu dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. „Frommherz hat recht. Ist dies hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?“

„Ohne Zweifel!“ antwortete Stiller. „Es, ist ein Eden, so recht geschaffen für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.“

„Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?“

„Heimatlos, jawohl!“ erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: „Glauben Sie denn, wir würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.“

„Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!“ Piller mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein ein und leerte es auf einen Zug.

„Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn wir müssen ja fort. Aber“ — ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des Sprechenden — „ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher Weise verwirklicht angetroffen haben.“