Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die Hand.

Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.

Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. „Meine Brüder und Schwestern,“ hub er zu sprechen an, „die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis in die fernsten Zeiten.

Und nun, meine lieben Freunde,“ Anan wandte sich mit diesen Worten an die sieben Schwaben, „haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen gewesen sein!“ Anan setzte sich.

Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem Irrtum seien sie befreit worden.

„So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.

Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!

Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt zurück, was ihr entsprossen.

Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.“

Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.