„Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,“ antwortete Anan, „habe Dank für das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.“
Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um nahezu das Doppelte größeren Planeten.
Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die großartigen technischen Kenntnisse der „Findigen“, die ihm nicht nur ein ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz, der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise jederzeit angetreten werden konnte.
Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen anfingen.
Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot der Pflicht.
Achtes Kapitel
Ein Abtrünniger
Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers lag. „An meine Freunde und Gefährten!“ lautete die Adresse.
Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. „Wir haben es leider mit einem Abtrünnigen zu tun,“ erklärte er den besorgten Genossen. „Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.“
Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen zurück und ließ die Herren allein.