„Zum Kuckuck, dacht’ ich mir’s doch so halb und halb, daß Frommherz fahnenflüchtig werden würde!“ begann Piller zornig. „Lesen Sie einmal die Epistel vor, Stiller!“

„Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.

Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.“

In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem Stiller den Brief vorgelesen hatte.

„Der elende Drückeberger!“ hob Dubelmeier zu knurren an. „Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so sonderbar benommen hat.“

„Blamiert sind wir, heillos blamiert!“ schrie Piller. „Wie stehen wir nun da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?“

„Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer gewiß,“ riet Hämmerle.

„Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,“ fügte Thudium bei.

„Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!“ fügte Brummhuber bei.

„Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,“ bat Stiller die aufgeregten Gefährten. „Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über das Benehmen Frommherz’ und teile es. Aber wir haben durchaus kein Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz’ hier oben nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?“