Damit war Fridolin Frommherz’ Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.

Fünftes Kapitel.
Die Doppelkanäle auf dem Mars.

Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen, großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind wie hier auf dem Mars.

Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle, diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.

Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren, körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.

In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen mußte.

Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der „Berg des Schweigens“, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle nördliche Gegend.

Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.

Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal — das idealste aller Verkehrsmittel.

Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.