Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm dem „Berge des Schweigens“ seinen Charakter nicht.

Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.

„Wer ist der seltsame Mann?“ hatte der Erdensohn schon am ersten Tage gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte erzählt:

„Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und du wirst noch viel Großes von ihm schauen.“

Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als „zu viel an sich gedacht“. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er „zu viel an sich gedacht“, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig verlassen hatte.

Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.

Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.

„Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,“ meinte dieser. „Je dichter die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?“

„Nein,“ erwiderte Fridolin, „da fällt die Erscheinung ganz weg.“