„Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!“
„Die Erscheinung ist wieder da,“ rief Fridolin erfreut, „und zwar in noch höherem Maße als bei der Erde.“
„Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.“
So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und Interessante.
Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.
Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel deckt, — das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem Mars, — sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers — doppelt so lang wie ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete — hergestellt worden; aber nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.