Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte Richtung zu geben.
So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden, freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu folgen.
Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
„Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!“ Diese Art der Bestattung war auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. „Den Geschiedenen zur Ehre, den Lebenden zum Vorbild,“ das waren die Worte, die in goldenen Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
Sechstes Kapitel.
Ein tapferer Entschluß.
An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung ausgesprochen.
Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken vorhanden sein.