„Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,“ fuhr Frommherz fort. „Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu beurteilen vermag.“ Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört worden war.

„Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,“ bat Bentan freundlich.

Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er sie wiedersehen würde?

In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.

Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang seiner Sache hoffen.

„Mein lieber Freund und Bruder,“ begann Bentan zu sprechen. „Dein Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt war.“ Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über Bentans geistvolles Gesicht. „Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne, die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund! Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir stets bewahren werden.“

Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das geringste eingebüßt hatte.

„In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem Luftschiffe angekommen,“ sprach er. „Von dort aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.“

„Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,“ antwortete der Gelehrte.

„Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,“ entschied Bentan.