„Im allgemeinen hast du ganz recht,“ erwiderte Sirian, „deshalb sind diese Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines jener Trümmerstücke, — Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren Himmelskarten, — dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist’s, den wir jetzt treffen werden.“
„Das ist ja eine herrliche Aussicht!“ rief der Erdensohn froh. „Aber sag mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?“
„Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine Atmosphäre eindringen.“
„Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?“ fragte Fridolin erstaunt. „Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!“
„Ja,“ sagte Sirian, „durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.“
Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
„Seht ihr den Dunst und die Wolken?“ rief Sirian, der die Steuerung wieder übernommen hatte. „Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!“
Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken öffneten, etwelche Kühlung.
„Eine Bergspitze!“ rief Zaran plötzlich.
Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.