Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig schneuzen. „Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,“ knurrte er.
„Hältst du dich vielleicht für einen?“ fragte Brummhuber spottend.
„Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!“
„Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,“ bemerkte Stiller. „Das Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben, bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen Vervollkommnung.“
„Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir für heute wenigstens den letzten Trunk!“
„Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.“
„Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,“ lachte Piller fröhlich, als der Wein vor ihm stand. „So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich schlürfen. Prosit!“
Elftes Kapitel.
Wieder auf der Erde.
Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales. Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.