Ich mag mich an die kargen Tage der Kindheit und geschändeten Jugend nicht erinnern. Stadt und Staat hatten wenig für uns übrig. Die Fußbälle waren schlecht, die Wochenkleider verschlissen, die Feste verregnet, man durfte nicht einmal onanieren: „Hände auf die Decke!“ Gott strafte die Sünden des Katecheten Masturbal an seinen Kindern.
Nie durfte ich von den Bergen in den Himmel springen. Wir waren durch einer Anstalt
Gitter getrennt von der wilden Welt. Alle grünen Ströme rannen uns gelb und schmutzig in ein trübes Meer.
Wann tauchte das erste Segel auf, hoffnungsrot und tollkühn? Es war ein Papiersegel. Robinson wurde neugeboren in mir mit dem Entschluß, über den städtischen Fluß zu schwimmen. Und im Gewimmel der blauen Auen und Adern eine selige, selig lehrerlose Insel zu finden. Aber statt des Eilands ward mir nur Influenza, Strafe und die späte Erkenntnis, daß die Städte, in denen ich geboren zu werden pflege, von Kanälen triefen. Die stolzen Ströme weichen ihnen aus.
Meine Finger mußten mein Abenteuer nachfühlen: vom Rohrstock brennende Finger. Nun wollte ich mich rächen und justament ein großer Mann werden. Obwohl das zeitraubend ist, es gewiß viel praktischer wäre, sich sofort in ein Monument zu verwandeln.
Die Lehrer hemmen einen aber auch immer, wenn man gerade ein großer Mann werden will. Sofort wird man während einer Schularbeit beim Schwindeln entdeckt oder beim Karl-May-Lesen — unter der Bank — vom Indianergeheul des Professors überfallen. Dies verlorene Schuljahr und eine spröd-unglückliche Jugendliebe treibt
fieberhaft in den Selbstmord. Aber wenn man sich dann endlich keusch und jäh umgebracht hat, scheint die Existenz viel heiterer und liebenswürdiger. Man liegt entleibt da in seiner oder des Staates grau in grauer Waisenknabenuniform, Opfer der Zeit, ein Kranz ziert den sorgenvollen Sarg und ein weinendes Schnupftuch zerknüllt sich der Wäscheleine entgegen. Der Totengräber spuckt siegreich in die Hände, wenn er nicht Fäustlinge trägt, und die Bahre läuft davon vor dem Erdgeruch. Der Selbstmörder hintersinnt sich nachdenklich: soll er nicht Universitätsjahre riskieren und Syphilisangst und noch einen Selbstmord?
Attentat
Ich schritt gegen das Parlament hin. Schon schrien Menschen, die überhaupt nichts sehen konnten, „Hoch Lueger!“ oder „Hurrah!“. Die meisten brüllten mechanisch mit, nur ein ehemaliger Fußballspieler leistete sich die Nuance: „Hip-Hip-Hurra!“ Der greise Monarch, rechts und links unaufhörlich grüßend, fuhr trotz der herrschenden kühlen Brise im offenen Wagen. Kodaks hielten den unvergeßlichen Anblick fest: das Gefährt, in dem der Kral von Danubien neben unserem glorreichen Verbündeten, dem Affenkönig Hanuman, saß. Die schwerbehaarte Rechte des Gastes, der keine Handschuhe nötig hatte, salutierend an den Tschako gelegt, ließ auf eine zottige Brust schließen, im Flug hatte er sich die Herzen der Wienerinnen erobert, im Flug mich davon überzeugt, daß mein alter Lieblingsausdruck für Husarenjacken und Offiziersblusen: „Affenjanker“, sehr prägnant, zutreffend, hier jedenfalls der einzig richtige war.
Wieso ich den nächsten Augenblick überleben konnte, weiß ich nicht. Mein Herz zerklopfte mich. Als Hanuman das tief symbolisch und mit Recht vor dem Parlament verharrende Standbild der Hauseule und Landespatronin Oesterreichs: der Pallawatsch-Athene passierte, hob die Göttin zum Zeichen des Grußes ihre Lanze. Dem Affengott zu Ehren? Oder war dies eine vaterländische Verherrlichung des illustren Gastes? Undurchsichtige Machinationen!