So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer, fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. Ignatius, Vincenz, Aloys, Xaver, Seraphin.
Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde, da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war, da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten. Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen Hindeutungen begnügen.
7.
Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.
Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ein Name zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig; jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand, die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten. Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt, Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene, in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B. Baldhard, Baldram, Baldewin in der Form Baldo, vgl. [S. 23]), so war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs, in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon erwähnt ([S. 22]). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene Hermann. Ähnlich war in Basel der Name Burkhard, in Zürich Heinrich verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem dux Bertholdus (nämlich von Zähringen) und comes Erimannus nur mit ihrem einfachen Personennamen unterschrieben sind: Arnolt, Sigebolt, Ruodolfus usw., zweimal Burchardus und zweimal Cuono, wo es dann höchst einfach heißt: Cuono, item Cuono!
Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des Vaters oder in der Angabe des Amtes und der Beschäftigung, oder sie waren von besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden Eigenschaften oder endlich von dem Wohnsitz entlehnt. So finden wir unter jenen zwölf Hermann in Köln einen Razo’s, einen Sohn Ditwigs, einen Vogt, einen Schultheiß (Amt), einen roten, einen weißen, einen mit dem Bart (Eigenschaften), einen vom Neumarkt (Wohnung).
Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.
Doch vorher ist der Zeitpunkt, wann diese große Wendung eingetreten (daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo bürgerlicher Verkehr aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände übertragen.
Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in Süddeutschland und am Rheine auf; so (nach Becker)
in Köln 1106, in Zürich 1145,
in Basel 1168 —
etwas später in Mitteldeutschland, so