Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche, umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge hat: Andres, Béndix, d. i. Benedictus, Chrístian (Chrísten), Níclas[35] usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim — Achim, Erasmus — Rasmus, Asmus. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope, vereint, wie Bonifacius — Fazi, Dionysius — Nis, wo von 5 Silben nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]

Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes durch die Betonung gehindert werden.

Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit einer Kürzung am Ende: Máthies und Mathes, teils mit einer solchen am Anfang: AlexanderXander. Vielfach treten an demselben Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird

aus Ambrosius einerseits Ambrosch, anderseits Brose,[37]
Andreas  „ Enders,    „ Drewes,
Nicolaus  „ Nickel,    „ Claus, Klaas.

Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des Stammes gemein, z. B. Barthel und Mewes aus Bartholomäus.

Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich ein w oder g einschiebt. Dies ist auch der Fall bei Paul, woraus sich Pawel und Pagel entwickelt hat.

Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich geworden ist. Lex aus Alexius, Xander aus Alexander ist schon ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B. denken, daß der Familienname Gille aus Aegidius entstanden ist, daß Grolms (der Bauer in der bekannten Fabel), Rohner und Muss ein und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38] Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.

In betreff der genetivischen Ableitungen ist Vorsicht vonnöten; namentlich ist das s kein sicheres Kennzeichen, da es vielfach nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B. Staats (aus Eustathius), Mews; auch Marx, aus Marcus. Das gilt besonders von der Endung ies (zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativ ius entstanden ist:[39] Borries aus Liborius, Plönnies, Lönnies aus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen auf i, ae, is: Pauli, Matthiae, Michaelis.

Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der volle Vokal bewahrt: Andersohn, Matthisson, Petersson, während allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung in sen eingetreten ist.