Während so diese alten Ämter viele Familiennamen geliefert haben, sind die neueren Amtsbenennungen — glücklicherweise — nicht so fruchtbar gewesen. Weder Kammerherr noch Kammerdiener, weder Präsident noch Superintendent, weder Steuerperäquator noch Hauptzollamts-Kassenkontrolleur werden aus naheliegenden Gründen je zu Familiennamen werden.

Einige Schwierigkeit machen Namen wie Kaiser, König, Herzog und ähnliche, bei denen allerdings „gerechte Zweifel sich erheben können, ob solche Familien häufig in den Fall gekommen sind, die durch derlei Namen bezeichnete Würde als wirkliche Lebensbürde zu tragen“ (Pott). Es sind jedenfalls Übernamen, welche die betreffenden Persönlichkeiten in dem sie umgebenden Kreise führten.[42] Ähnlich ist es mit Bischof, Probst, Mönch und anderen geistlichen Würden, die sich freilich auch sehr wohl auf patronymischem Wege als Familiennamen festsetzen konnten — trotz dem Cölibat.

Spottnamen sind: Bratengeiger, Giegengack (Bierfiedler), Pinkepank (Schmied), Gaugengigl (Narr, Geck).[43]

Manche alte Bezeichnungen von Amt und Gewerben sind nur in diesen Familiennamen erhalten, da sie sonst, zugleich mit der bezeichneten Sache, erloschen sind — so Platner, Armbruster. Andere Gewerbe bestehen noch, aber die alten Namen sind erloschen, z. B. Menger = Händler, in Zusammensetzung Eisenmenger, Winkler = Kleinverkäufer, Preiswerk = Posamentier.

Interessant sind auch die mundartlichen und landschaftlichen Verschiedenheiten, die sich hier geltend machen. So ist Müller, Miller die oberdeutsche, Möller die niederdeutsche Form; Beck (Mehrh. Becken) oberdeutsche Form statt des norddeutschen Becker (in Basel Pfister vom lat. pistor). Leiendecker ist (nach Vilmar) am Rhein und nach Oberhessen hinein wohl verständlich, aber schon in Niederhessen ein Fremdling: ein Schieferdecker; denn der Dachschiefer heißt am Mittel- und Niederrhein die Leie. Manches Handwerk hat infolgedessen die verschiedensten Bezeichnungen; so heißen die Schlächter: Fleischhauer, Fleischhacker, Fleischer, Metzger, Knochenhauer, Beinhauer; die Töpfer: Hafner, Potter, Eulner. Ebenso bedeuten Binder, Küfer, Böttcher, Büttner, Scheffler im wesentlichen dasselbe.

Manche dieser Gewerbenamen sind außerordentlich häufig, vor allen die fünf:

Müller, Schulze, Meier, Schmidt, Schneider,

die man deshalb auch die fünf Großmächte in der Namenwelt genannt hat. Den vier ersten wird man diese Stelle nicht bestreiten; doch gegen Schneider als fünften möchten mehrere andere nicht ohne gute Aussichten in die Schranken treten, als da sind: Bauer, Becker, Richter, Weber, Lehmann. Zu Berlin gab es im Jahre 1867 nach Ausweis des Adreßbuches 929 Familien und alleinstehende Personen des Namens Müller und sogar 1267 des Namens Schulze (Schulz); nächstdem waren die Schmidt mit 884, die Meyer mit 509 Nummern vertreten. Die Lehmann und die Krüger brachten es gleichmäßig auf 474, die Richter und die Hoffmann ebenso gleichmäßig auf 354. Alle gehören ausnahmslos in diese Klasse, ihre Häufigkeit erklärt sich aus dem häufigen Vorkommen des betreffenden Gewerbes oder Amtes, besonders auch auf dem Lande. Das trifft bei sämtlichen oben angeführten Namen zu, vor allen bei Müller und Schulze. Da jedes Dorf (in Norddeutschland) seinen Schulzen hatte, fast jedes, wenigstens größere, seinen Müller, so war eine Überfülle daher entspringender, meist gleichlautender Familiennamen unvermeidlich.[44] Obenan steht in dieser Hinsicht unleugbar der Name Schulze (Schulz), den man deshalb versucht wäre kaum noch als Namen gelten zu lassen.

Die hier hervortretende Einförmigkeit wird dadurch noch vermehrt, daß die Namen dieser Klasse an Sproßformen so arm sind. Deminutive Bildungen sowie patronymische fehlen fast ganz, auch genetivische, z. B. Schiffers, Snyders, Zimmermanns sind selten und finden sich nur in einzelnen Landschaften, besonders am Niederrhein.

Eine Ausnahme macht der Name Schmid, der mehrfache Ableitungen, namentlich auch Deminutiva wie Schmiedecke, Schmidel, Schmidtlein bietet. Dies erklärt sich daher, daß der Name schon sehr früh vorkommt, schon im 9. Jahrhundert in den Formen Smithart, Smido, Smidilo; er gehört demnach zu den altdeutschen Personennamen, welche ja eine so große Umbildungsfähigkeit im Bereich der Schmeichelformen entwickeln (s. [SMID]). Nebst Kaufmann (althochd. Caufman) ist Schmid wohl der einzige vom Gewerbe entlehnte Personenname der altdeutschen Zeit. Das Schmiedehandwerk ist eben das älteste Handwerk der Deutschen; zugleich war es das vornehmste, da seine Aufgabe war, Waffen für den Kampf zu liefern. Mit den Namen berühmter Schwerter wurde auch der des kunstreichen Verfertigers fortgepflanzt, so die Namen Wielands (in der nordischen Wilkinasage), Mimes (in der Wölsungensage). In manchen Gegenden hat der Schmied noch einen mythischen oder heidnischen Schimmer behalten; vielleicht versteht er die Schwarzkunst; man zieht ihn zu Rate, wenn man bestohlen ist. Daher die zahlreichen Schmiedesagen (wie von dem Schmied zu Jüterbogk, der selbst den Teufel zu überlisten weiß und ihn auf dem Amboß übel zurichtet). Es liegt einmal etwas Geheimnisvolles in der Beschäftigung mit dem glühenden Stahl und Eisen.