Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen und Bezeichnungen der Gasthäuser und Apotheken, auch der Logierhäuser in Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „die hohe Lilie“ (Pröhle), ein Haus in Erfurt „zum Rebstocke“, ein anderes in Stettin „die weiße Taube“.
An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:
„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mit seinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte aber das erste Haus „zum güldenen Schafe“, und es ist daran auch ein Schaf in Stein zu sehen, das andere „zum Rosenstock“ und das dritte „zum schwarzen Bock“.
Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben erwähnte Haus „zum Rebstock“, welches von Otto v. Ziegler im 15. Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „zum Rebstock“. Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18 Königreiche gemalt,[72] wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248 ff.).
Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den Namen „zum roten Hahn“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h. die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a. a. O. S. 237).
Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende an: aus Köln 1116 zum Saphir, 1178 Lembechen (Lämmchen), 1219 von Gürzenich, 1256 van me Kranen (vom Kranich), 1262 van me Hane; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam, zum Sternen, 1262 Anselm zer Tannen; später zer Sonnen, zer Rosen, zem Haupt, zem Tracken (Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte: von oder zu, welches später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem der Familienname Molfenter, aus zum Olfenter (Kamel), wo das m von der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.
Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben: Schaf und Ziege, Rind, Wolf, Fuchs und Hase, nächstdem Hirsch und Reh (Rehbein, Rehfuß) — unter den Vögeln außer dem allgemeinen Vogel nebst seinen Zusammensetzungen (Brachvogel, Schreivogel) die Raubvögel: Adler, Geier, Falk, außerdem Gans und Hahn. Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, die Rose, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen (Rosenblüt, Rosenstiel, Rosenstock, Rosenzweig).
Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig, oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und Pflanzennamen zusammen. So ist der Name Strauß die regelmäßige Weiterentwickelung vom althochd. Struz, der Schmeichelform von Strudolf, Appel ist Zusammenziehung und Verkürzung aus Adalbold, Hering, althochd. Herinc, Patronymikum von Hero, Regen althochd. Regino (s. [Ragan] „klug“), Bock meist wohl aus Bucco, Kürzung von Burkhart. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber meistens schon aus der ersten Periode, wie Bär, Roß, Schwan, oder sie gehen auf Eigenschaften (s. [S. 48]).
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Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere Augen gezaubert.