Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, bei Markus ist es ausgeschlossen.

Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen: erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 30).

Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner (Luk 18 38). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und heilt ihn.

Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der Menge am Wege. Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden, sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden zu ihm dringt, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt stehen und schickt, man solle ihn holen! Man geht der Stimme nach und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also fragen, was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss, dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!

Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger Ruf, den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen — wenn man ihn überhaupt verstand.

Die Anrede des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »Rabbi, dass ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.

Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.

Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen. Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:

1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall. Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.

2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall ist.