3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?

4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit des Vorläufers!

5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der ἐρχόμενος bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen, wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer, weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um alles in Ordnung zu bringen.

Es bleibt also dabei: Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten worden war.


Siebentes Kapitel.
Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.

1. Die Seereise nach der Aussendung.

Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten. Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger? Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?

Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem natürlichen und klaren Zusammenhang.