Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 31-56 = Mk 8 1-22). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt es sich um das Händewaschen (Mk 7 1-23), in der der zweiten um die Zeichenforderung (Mk 8 11-13). Im Gefolge der ersten Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 24-30). In der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise nach Cäsarea Philippi (Mk 8 27).

Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 31: Nachdem er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den galiläischen See; Mk 9 30 u. 33: Und sie gingen weg von da (gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite Rückkehr an.

In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die erste durch »wiederum« (Mk 8 1) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger beide voraussetzt (Mk 8 19-21)! Wie weit sich dieser Prozess schon in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich nicht mehr ausmachen.

Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft Genezareth zurück (Mc 6 32 45 53). Der zweite ist unvollständig und etwas in Unordnung geraten.

Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 10 ff. entspricht Mk 6 53 ff. u. 7 1 ff.; Dalmanutha liegt auf dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht, folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 13). Erst von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 27 ff.). Der erste Cyklus hingegen erzählt diese Seefahrt nach Bethsaida als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die Speisungsgeschichte (Mk 6 45 ff.). Nun zeigt aber auch die zweite Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf die vorhergegangene Speisung. Mk 6 52: »Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk 8 19-21: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe — da ich die sieben gebrochen habe — versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. Die neue Seereise des zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.

Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen. Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus, Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth, Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.

2. Das Abendmahl am See Genezareth.

Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen, die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich. Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen. Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 32 u. 33: »Es war eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«.

Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. Es handelte sich um ein feierliches Kultmahl! Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 41: Er nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 22: Er nahm das Brot, segnete und brach es und gab es ihnen.