Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt 12 32), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 20 und Mt 11 19 ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz zu dem asketischen Verhalten des Täufers.
Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen Menschensohnstellen im Markustext.
Mk 2 10: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden zu erlassen. Mk 2 28: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.
| Mk 2 10: | Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden zu erlassen. |
| Mk 2 28: | Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages. |
Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als Selbstbezeichnung gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt. Beidemal gibt es einen Sinn.
1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die Sündenvergebung auf Erden bekunden.
Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt.
Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids.
| 1. | Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die Sündenvergebung
auf Erden bekunden. Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages. |
| 2. | Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt
schon Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung
zeigt. Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids. |
Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar: hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes »Menschensohn«.
Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher, dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist, unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien.
Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 56), da ihn doch Jesus ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass »Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war. Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob, Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«, nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«.