»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität, so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus. »Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im Dienen erniedrigen (Mk 10 45). So sagt er vor der Gefangennahme: die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 21 u. 41).

Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen, dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal derselbe war.

Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen Bedenken unbedingt zu Recht.

Mt 8 20: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.
Mt 11 19: Der Menschensohn ist gekommen, isset und trinket (im Gegensatz zum Täufer).
Mt 12 32: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.
Mt 12 40: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.
Mt 13 37 u. 41: Der Menschensohn ist der Säemann; der Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur Ernte gibt.
Mt 16 13: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

Mt 8 20:Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.
Mt 11 19:Der Menschensohn ist gekommen, isset und trinket (im Gegensatz zum Täufer).
Mt 12 32:Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.
Mt 12 40:Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.
Mt 13 37 u. 41:Der Menschensohn ist der Säemann; der Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur Ernte gibt.
Mt 16 13:Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen« verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen Charakters, da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt, entsprechend Dan 7 13-14. Zudem wissen die Jünger in allen diesen Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!

Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle Stellen, in denen er sich vor Cäsarea Philippi (für die Intimen vor der Verklärung) als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch. Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet (Mt 10 23 und Mk 8 38). Die oben erwähnten Stellen, welche den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah?

Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon der Messias war. Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete. Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese philologischen und historischen Unmöglichkeiten.

Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus. Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer sekundären Schicht des Matthäus angehören.

Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage zu Cäsarea Philippi (Mt 16 13), die Deutung des Gleichnisses vom Säemann (Mt 13 37 u. 41) und die falsche Auslegung des Jonaswunders (Mt 12 40).