Neuntes Kapitel.
Das Geheimnis des Leidensgedankens.

1. Die vormessianische Drangsal.

Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen Verkündigung. Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die Ereignisse der Endzeit nicht denken.

Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach Jerusalem.

Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um Drangsale, die seine Anhänger mit ihm erdulden müssen vor dem Reichsanbruch. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden will, muss sich an ihn anklammern.

Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt, wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts achten (Mt 10 34-42), — dann meint er die grosse Verfolgung der Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf, denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.

Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind, wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 11 u. 12).

»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen, es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen, damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist der Grundgedanke der Aussendungsrede.