Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis. Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.

Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die, welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 35-38).

2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.

Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung Jesu. In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als Messias geoffenbart werden würde.

In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke, auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse, was er der Bestimmung nach war. Sein Messianitätsbewusstsein war nie ohne Leidensgedanke! Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der Messianität!

Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse: denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden (Weber S. 343).

Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen ethisch-idyllischen, in der zweiten einen modern-resignierten Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger, tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, um sich dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren. Aus diesem messianischen Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das Messianitätsgeheimnis.

Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des machtvollen Reichspredigers mit den Seinen in der Enddrangsal, sondern derjenige, welcher Messias sein wird, leidet. Dieses Leiden aber verläuft nicht mehr in der allgemeinen Enddrangsal, sondern Jesus leidet allein und zwar handelt es sich um ein rein irdisch-geschichtliches Ereignis. Er wird dem hohen Rat überantwortet und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern ein Geheimnis blieb.

3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.

In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken. Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z. B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet sein.