Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen.

Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen, welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10 27).

Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen, Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes Allmacht vorgreifen (Mk 10 35-40).

So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter Allmacht, dass er sie ausschalte und das Reich ohne diese Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in »die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben, sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.

Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.

Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen. Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie geradewegs der Weltmacht entreissen.

Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer Versuchung redet, die von Gott kommt. Es handelt sich eben um den allgemeinen messianischen Schulderlass und um die messianische Drangsalsversuchung. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des Reichsgebets.

Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder. In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater, alles ist dir möglich (Mk 14 36). Er möge den Leidenskelch an seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist schwach.

4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.