Den litterarischen Unterbau habe ich, dem skizzenhaften Charakter der Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium steckt, als der erste Blick vermuten liesse.

Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu von grosser Bedeutung. Danach wird nämlich die Komposition der Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto, sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft geredet. Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue Auffassung des Lebens Jesu.

Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer naiven Stellungnahme den Berichten gegenüber, sondern sie ist herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte. Gerade diese Frage ist bisher vielleicht zu wenig systematisch behandelt worden.

Einerseits ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu von bedeutendem Einfluss gewesen. Andererseits sind aber gerade wieder in dem Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass er die Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert« hat. Denn das Urchristentum stand ja dem Leben Jesu als solchem indifferent gegenüber! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man dem kommenden Messias in Glorie entgegenblickte und dabei an dem Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens Jesu gab es überhaupt nicht, und die Synoptiker enthalten auch nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf die irdische Erscheinung Jesu als des Messias fiel und so zu einer Auffassung des Lebens Jesu führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen Thätigkeit Jesu schon eine zu feste Fassung angenommen, als dass dieser Prozess sie hätte berühren können. Das vierte Evangelium bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht neben der synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern. Der Unterschied zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade darin, dass das erstere ein »Leben Jesu« bietet, während die Synoptiker von seiner öffentlichen Wirksamkeit berichten.

Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nach immanenten Gesetzen beeinflusst, gerade wie die deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. Es handelt sich um eine unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung. Die neue Auffassung beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, wobei sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher anzunehmen geneigt war.

Strassburg, im August 1901.


Inhaltsangabe des zweiten Heftes.

Seite
Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu
[V]-[IX]
Erstes Kapitel [1]-[13]
Der modern-historische Lösungsversuch.
1. Darstellung [1]-[3]
2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs [3]
3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) [3]-[6]
4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) [6]-[8]
5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken. (Dritte Voraussetzung) [8]-[12]
6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) [12]
7.
Zusammenfassung
[12]-[13]
Zweites Kapitel [13]-[18]
Die »Entwicklung« Jesu.
1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse [13]-[15]
2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede [15]-[17]
3.
Die neue Auffassung
[17]-[18]
Drittes Kapitel [18]-[23]
Die Predigt vom Reich Gottes.
1. Die neue Sittlichkeit als Busse [18]-[20]
2.
Die Ethik Jesu und die moderne Ethik
[21]-[23]
Viertes Kapitel [24]-[32]
Das Geheimnis des Reiches Gottes.
1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes [24]-[26]
2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der Aussendung [26]-[27]
3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen
und jüdischen Zukunftserwartungen
[27]-[28]
4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen galiläischen Periode [29]
5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu [29]-[30]
6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und Staat [30]-[31]
7.
Das Moderne in der Eschatologie Jesu
[31]-[32]
Fünftes Kapitel [32]-[34]

Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.

Sechstes Kapitel [34]-[52]
Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen
Wirksamkeit.
1. Das Problem und die Thatsachen [34]-[38]
2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn [38]-[40]
3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen [40]-[42]
4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes [42]-[43]
5. Jesus und der Täufer [43]-[44]
6. Der Täufer und Jesus [44]-[48]
7.
Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
Jerusalem
[49]-[52]
Siebentes Kapitel [52]-[60]
Nach der Aussendung. Litterarische und historische
Probleme.
1. Die Seereise nach der Aussendung [52]-[55]
2. Das Abendmahl am See Genezareth [55]-[57]
3.
Die Woche zu Bethsaida
[57]-[60]
Achtes Kapitel [60]-[80]
Das Messianitätsgeheimnis.
1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi [60]-[63]
2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu [63]-[65]
3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu [66]-[71]
4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität Jesu [72]-[79]
5.
Der Verrat des Judas — die letzte Bekanntgebung des Messiasgeheimnisses
[79]-[80]
Neuntes Kapitel [81]-[98]
Das Geheimnis des Leidensgedankens.
1. Die vormessianische Drangsal [81]-[83]
2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode [83]-[84]
3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht [84]-[86]
4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode [86]-[89]
5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt [89]-[91]
6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis [91]-[92]
7.
Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der Perspektive
[92]-[98]
Zehntes Kapitel [98]-[109]

Abriss des Lebens Jesu.

Nachwort [109]