Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, der an sich die Enddrangsal heraufführte in der Form, wie sie sich schon an dem Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das Geheimnis des Leidensgedankens über.

Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen. Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.

Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger Menschensohn die Sühne an sich vollziehen müsse. Derjenige, welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche. Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 45). Er muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. Das ist das Geheimnis des Leidensgedankens. Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die Anselm'sche Theorie annimmt.

5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.

»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden muss und verachtet werden« (Mk 9 12). Die neue Form des Leidensgedankens stammt aus der Schrift. In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.

Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand, muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit, in denen er sich mitten drin wusste.

Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 1-11).

Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit. Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 1 ff.). Er soll das Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen Zustand der Erniedrigung hindurch.

Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen, Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der Welt (Jes 49 1 ff., 52 12 ff., 53 1 ff.)