Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65). Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. 66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.

Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. Damit geht Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf. Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen es nicht zu verstehen, denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat. Darum brauchte und durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen, welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus erfassbar.

Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an, sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr werdet euch alle an mir ärgern — wobei er weiss, dass sie bei der Auferstehung um ihn versammelt sein werden.

Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu umgesetzt.

6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.

An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung der Würde, die ihm bestimmt ist.

Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten Ereignisses. Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in die menschliche Geschichte herunter. Darin liegt etwas Prophetisches auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.

So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung, in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«: diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.

Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. Nur über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen. Die Zebedaiden vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben, mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu empfangen — und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 38-40). Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 31). Diese drei hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott beten, dass er sie nicht in die Versuchung führt, wenn er auch ihm den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu Leben. Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen: in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.

7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der Perspektive.