Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. So ist der Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis Jesu.

Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf eine Thatsache: Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der Schrift vorherbestimmt.

Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das Urchristentum das vergangene Ereignis als solches Gegenstand der Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.

Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke, den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis, dass er für sie gelitten, war ja noch gar nicht gegeben, denn das Reich war noch nicht erschienen. Von jenem Standort allein aber konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne geleistet habe.

In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen« waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen Verkündigung (Akt 2 38). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar, denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an Jesus-Christus Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf Ritschl jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz andern Voraussetzung ausgehen.

Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, von denen aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes hervorgehen konnte. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die »Sündenvergebung«?

Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die notwendige Verkümmerung des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum perspektivisch zu berechnen. Er weist nach, welche Momente des Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten. Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch der richtige.

Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch welches sie versittlicht wurde, fällt weg. So ist die urchristliche Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«. Dadurch sinkt sie wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in Erwartung des Gottesreichs, wie zu des Täufers Zeit.

Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen die Drangsal vor dem Erscheinen des Messias, wie es in der zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch die Person Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch »christlich«, nicht mehr durch seinen Geist, wie es im Geheimnis des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.

Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede als solche ist notwendig unhistorisch. Sie zeigt die Perspektive der Zeit nach dem Tode. In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der Aussendung. Die Aussendungsrede ist die historische synoptische Apokalypse. Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.