Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie, obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel getroffen wird — so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren, wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang geweiht war. Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt war.

Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung, in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.

Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen Weltanschauung, nur eine Uebergangsthatsache. Sobald aber das Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende Centralthatsache, auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.

Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs. Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich gekommen sind.

Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit von ihr ausgeht. Die Sonne hinter dem Morgenrot: so erschien die Persönlichkeit Jesu von Nazareth den Zeitgenossen in der vormessianischen Aera.

In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht, steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich spiegelt, auflöst. Die aufgehende Sonne über dem Horizont, so erschien »Jesus Christus« der urchristlichen Gemeinde in ihrer eschatologischen Erwartung.

Die Sonne zur Mittagszeit: so erscheint er uns. Wir wissen nichts von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit, die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen, als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen, thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot malen wollten.

In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint, unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, seine Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.

Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. Man erhielt ein Zwitterwesen, halb modern, halb antik. Mit dem Modernen übertrug man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung erfassen und beobachten. Jesus ist aber eine übermenschliche Persönlichkeit aus einem Guss.

So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als »Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.