Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar in einer eschatologischen und doch ihrem Wesen nach durch und durch modernen Weltanschauung, weil er sie mit seinem gewaltigen Geiste durchdrungen hat.
Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: er ist wirklich eine überirdische Persönlichkeit. Mit seinem Tode vernichtet er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht, ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie belebte und verklärte.
Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerstört. Die Geschichte fordert die Dogmatik zu dieser Ungeschichtlichkeit auf.
Als Jesus verschieden war, sagte der römische Hauptmann, »wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 39). So wird seine Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle Nationen und für alle Weltanschauungen.
Zehntes Kapitel.
Abriss des Lebens Jesu.
Das »Leben Jesu« beschränkt sich auf die letzten Monate seines Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu Ostern des folgenden Jahres.
Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach Wochen. Die erste Periode reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.
Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen, dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt. Er sei ein Prophet: das war die allgemeine Meinung.