Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den Gott zum Messias bestimmt hatte. Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht. Denn nun stand ihm fest, dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der Enddrangsal bewähren und läutern müsse.

Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt. Irdische Ereignisse konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. Durch sein Geheimnis stand er über der Welt, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen wandelte.

Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe. Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht, darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue Aeon anbricht.

Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: denn nur die Gerechten ererben das Reich. Diese Gerechtigkeit ist höher als die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten weissagten bis Johannes: mit dem Täufer aber befindet man sich in der Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch.

Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: diese alle sind selig, weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind.

Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches Gottes. Was, von dem Einzelnen geleistet, sittliche Erneuerung in Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, von der Gemeinschaft gewirkt, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.

In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. Die Natur war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal gestellt.

Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird. In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um eschatologische Ethik, sondern seine Weltanschauung ist ethische Eschatologie. Als solche ist sie modern.

Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn, denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht.

Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an. Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.