Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein, mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht. So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat, beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.
Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der Bewährung auch noch eine Sühne. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon verlangt. Aber er ist allmächtig. In dieser Allmacht bestimmt er über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.
Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel, dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt entreisst.
Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin, Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn Städte und eine Reise nach Nazareth.
Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben. Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande.
So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche. Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. Darum sandte er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth — denn es war Erntezeit.
Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers, den er verkündigt hatte, da sei.
Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.
Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »Die Zeit ist sehr vorgeschritten« — das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. Der Frager selbst ist der Elias, wenn sie es begreifen mögen.
Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der Zeichen thut — aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht. So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede über den Täufer« ab.